Geschichten aus dem Rezepte-Kalender 2015

Römers Fridder rauchte gerne Zigarren. Wenn er bei den Nachbarn zu Besuch war, durfte er dort nicht rauchen und legte den Zigarrenstummel vorher draußen auf die Fensterbank. Einmal hatten böse Buben den Stummel gegen getrocknete Hühnerköttel ausgetauscht, was Fridder im Dunkeln nicht erkennen konnte und sich wunderte, dass die Zigarre nicht schmeckte.

 

Unser Opa ging nachts immer raus auf`s Plumpsklo. Deckel ab, Geschäft gemacht und wieder ins Bett. Alles im Dunkeln, denn Licht gab es nicht auf dem Klo. Böse Jungs hatten eines Abends Brennnesseln unter den Deckel gelegt. Hei, gab das ein Geschrei in der Nacht!

 

Im Dorf hatte früher jedes Haus einen Gemüsegarten und die Nachbarn beäugten sich gegenseitig, wer den schönsten Salat und die dicksten Kartoffeln hatte. Mein Vater hatte eines Abends aus Spaß über 30 Bohnenstangen gesetzt, was unsere Nachbarin in ungläubiges Erstaunen versetzte, weil sie nur 10 Stangen hatten. Über Nacht zog er 20 Stangen wieder raus und behauptete steif und fest, niemals mehr gesetzt zu haben, was unsere Nachbarin an ihrem Verstand zweifeln ließ.

 

Ein Obernauer Original war der Piehl‘s Martin, der eine Bäckerei, einen Lebensmittelladen und eine Kneipe führte. Um ihn ranken sich viele Erzählungen, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr nachprüfbar ist. Zwei kleine Geschichten sollen sich aber so zugetragen haben:

 

Nach dem Krieg kehrte Martin Piehl aus der Gefangenschaft zurück und erzählte, wie seinem Kommandeur im Gefecht der Kopf abgeschossen wurde und der fallende Kopf dann noch rief: „Piehl, übernehmen Sie das Kommando!“

 

Die zweite Geschichte ereignete sich nachts bei starkem Sturm, als die große Tanne vor dem Haus bedenklich schwankte. Martin weckte seine Frau Josefa (Sefchen) und beide stellten sich bis zum Ende des Sturms auf die Wurzeln der Tanne, um ihr Halt zu geben. Die Tanne steht übrigens heute noch in Obernau hinter der ehemaligen Kneipe.

 

In Obernau hatte früher fast jedes Haus mehr oder weniger viel Vieh und lebte von der Landwirtschaft. Einen kleinen Bauernhof betrieben auch Heinrich und Selma Schmitt. Mit dem ersten Traktor, den die Familie angeschafft hatte und der die Arbeit wesentlich erleichterte, fuhr Heinrich langsam auf den Stall zu, konnte die Bremse nicht finden und rief laut: „Hüüh!“ Der Traktor verstand das nicht und kam erst an der Stallmauer abrupt zum Stehen.

 

Ein Obernauer Original war auch der Schenks Karl. Karl hatte eine sehr pragmatische Lebenseinstellung, die sich mit folgender Äußerung am besten beschreiben lässt:

„Dumm Löck! Denken, sie hätten chäd, wenn sie den Schoppen voll Schanzen han. Hätten besser en Kasten Bier em Keller!“

 

Ein wichtiger Handwerksberuf war früher der des Klempners. In Obernau war das die Arbeit von Wilhelm Rödder, genannt „Noah“.

Zum Aufmaß von neuen Wasserleitungen hatte Noah leider seinen Zollstock vergessen. Aber er war ja schlau und bediente sich eines ungefähr einen Meter langen Stocks und schrieb die abgemessenen Rohrlängen auf seine Zeichnung: 2,5 Längen, 4 Längen etc. Bei der Montage der neuen Leitungen stellte sich heraus, dass diese alle zu kurz waren. Noah hatte nämlich seinen Stock verlegt und stattdessen einen anderen genommen.

 

An den langen Winterabenden kam unsere Nachbarin immer „spingsen“, was es bei uns zu essen gab und erzählte das anschließend im Dorf herum. Eines Tages hatten wir uns vorbereitet und eine Futterrübe vom Bauern besorgt. Diese wurde unter den Augen der Nachbarin geschält, in Scheiben geschnitten, gekocht, paniert und gebraten. Obwohl sie überhaupt nicht schmeckt, aß die ganze Familie das Viehfutter mit Todesverachtung und lobte den guten Geschmack. Rüben hätten außerdem viele Vitamine, sagten wir. Die Nachbarin probierte, spuckte das Stück aus und wollte dann doch lieber Apfelsinen essen. Die anderen Nachbarn erfuhren natürlich brühwarm, was wir gegessen hatten und klärten sie auf. Sie schämte sich und kam nie mehr zum Abendessen.

 

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